So wirkt Lions-Quest im Unterricht

Wie wirkt Lions-Quest im Unterricht?

Silke Gandor ist Lehrerin an der Erzbischöflichen Realschule für Mädchen in Hilden und gibt uns im Artikel Einblicke in Ihre Erfahrungen mit Lions-Quest. | Silke Gandor

Frau Gandor, erinnern Sie sich an Ihre erste Lions-Quest-Stunde im Unterricht – wie haben die Schüler:innen reagiert?

Sehr gut. Nach meiner ersten Lions-Quest-Fortbildung habe ich eine neue 5. Klasse übernommen und direkt mit der Einheit „Ich bin ich – und wer bist du?“ gearbeitet. Die meisten Kinder kannten sich nicht, die Stimmung war eher zurückhaltend, teilweise auch angespannt. Als ich mit der Frage begann: „Steht bitte auf, wenn ihr gern Schokolade esst“, waren einige zunächst irritiert – solche Formen von Gruppenübungen kannten viele aus der Grundschule noch nicht. Dann standen nach und nach immer mehr Kinder auf. Es wurde gelacht, geschaut, verglichen.

Was dabei sichtbar wird, ist etwas sehr Grundlegendes: Kinder prüfen sehr genau, ob sie dazugehören. Diese scheinbar kleinen Momente sind entscheidend – hier beginnt Gemeinschaft.

Welche Veränderungen beobachten Sie seitdem in ihrer Klasse?

Die Kinder gewinnen spürbar an Sicherheit. Sie sprechen eher miteinander, hören einander zu und trauen sich, sich einzubringen. Gleichzeitig ist die Ausgangslage sehr heterogen: In meiner Klasse sind zwei ukrainische Kinder mit Fluchterfahrung, einige leben nicht im Elternhaushalt, etwa ein Viertel hat Förderbedarf im Bereich Lesen und Schreiben. Es gibt Kinder mit Sprachhemmungen, mit ADHS, im Autismus-Spektrum – und sicherlich auch Themen, die erst im Laufe der Zeit sichtbar werden.

Umso bemerkenswerter ist, was sich entwickelt: In den Pausen wird viel gelacht, und bei einer anonymen Umfrage vor den Weihnachtsferien hat jede Schülerin angegeben, dass sie sich bereits mit einer Mitschülerin außerhalb der Schule verabredet hat und sich in der Klasse wohlfühlt. Das ist nicht selbstverständlich – das ist das Ergebnis von bewusster Arbeit an Gemeinschaft.

Gibt es einen Moment oder eine Situation, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja. Ein Mädchen mit starkem Stottern hat im Unterricht für eine Antwort mehrere Anläufe gebraucht. Die Klasse hat einfach gewartet. Niemand hat gelacht, niemand hat gedrängt. Sie durfte in ihrem Tempo sprechen – und danach ging der Unterricht ganz selbstverständlich weiter. Das sind keine großen Szenen. Aber genau dort passiert etwas Entscheidendes: Kinder erleben, dass sie auch Schwächen zeigen dürfen, ohne bewertet oder ausgelacht zu werden. Das ist eine wichtige Grundlage für Vertrauen und Stabilität.

Was hat sich durch Lions-Quest auch für Sie als Lehrerin verändert?

Ich arbeite heute bewusster daran, eine tragfähige Klassengemeinschaft aufzubauen – nicht als Zusatz, sondern als Grundlage. Denn wir erleben im Schulalltag deutlich: Ohne Vertrauen und ohne ein Mindestmaß an emotionaler Sicherheit gelingt fachliches Lernen nur eingeschränkt. Gleichzeitig stehen wir vor wachsenden Herausforderungen: Mehr Kinder mit seelischen Belastungen, mehr instabile familiäre Situationen, mehr Unsicherheiten im Alltag. Es kommt inzwischen vor, dass einzelne Schüler über Wochen oder Monate in stationärer Behandlung sind.

Gerade deshalb ist es entscheidend, dass Schule ein verlässlicher Ort ist. Lions-Quest unterstützt uns dabei konkret und strukturiert.

Warum ist sozial-emotionales Lernen aus Ihrer Sicht heute so wichtig?

Weil viele Kinder heute mit Herausforderungen aufwachsen, die sie nicht allein bewältigen können.
Schule ist oft der einzige Ort, an dem sie täglich stabile Beziehungen und klare Strukturen erleben. Wenn wir diesen Bereich stärken, wirken wir präventiv, lange bevor Probleme sichtbar eskalieren. Sozial-emotionales Lernen schafft die Grundlage dafür, dass Kinder überhaupt lernfähig sind – fachlich wie persönlich.

Was würden Sie Kolleg:innen sagen, die überlegen, an einer Lions-Quest-Fortbildung teilzunehmen?

Es lohnt sich sehr, gerade unter den aktuellen Bedingungen. Man erhält konkrete, praxistaugliche Methoden, die unmittelbar im Unterricht einsetzbar sind, ohne großen zusätzlichen Vorbereitungsaufwand. Das ist im Schulalltag ein entscheidender Faktor. Und vielleicht genauso wichtig: Man steht mit diesen Herausforderungen nicht mehr allein da. Man hat ein erprobtes Konzept und Materialien, die verlässlich Orientierung geben.

Für mich ist Lions-Quest kein Zusatz, sondern ein zentraler Bestandteil von Schule geworden – weil es das Fundament stärkt, auf dem alles andere aufbaut.

Was bedeutet das konkret für die Lions? Warum lohnt es sich, Lions-Quest zu unterstützen?

Lions-Quest wirkt dort, wo Entwicklung beginnt: im Alltag von Kindern.

Die Unterstützung der Lions ermöglicht es, Lehrkräfte auszubilden, Materialien bereitzustellen und Programme nachhaltig in Schulen zu verankern. Der entscheidende Punkt ist, dass man durch Lions-Quest nicht in kurzfristige Effekte investiert, sondern in langfristige Entwicklung. Ein Kind, das gelernt hat, sich mitzuteilen, gerät seltener in eskalierende Konflikte. Eine Klasse, die als Gemeinschaft funktioniert, trägt sich auch in schwierigen Phasen.Ein junger Mensch, der sich zugehörig fühlt, entwickelt eher Stabilität und Verantwortungsbewusstsein.

Das sind keine spektakulären Effekte, aber sie sind nachhaltig. Wenn wir möchten, dass Kinder zu stabilen, verantwortungsvollen und zuversichtlichen Erwachsenen werden, dann müssen wir genau hier ansetzen.