Lions-Quest 1x1: Wie funktioniert Lions-Quest im Unterricht?

Lions-Quest 1x1: Wie funktioniert Lions-Quest im Unterricht?

Im heutigen Lions-Quest 1x1 geben wir einen beispielhaften Blick in eine Lions-Quest-Stunde. | Lions Deutschland
Das Kapitel „Gute Gemeinschaft – Ich bin Ich und wer bist du?“ finden Sie im Lions-Quest-Handbuch „Erwachsen werden“ (roter Ordner). | Lions Deutschland

Wie eine Lions-Quest-Stunde aus Fremden eine Gemeinschaft werden lässt

Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Neue Gesichter, neue Namen, vorsichtige Blicke. In der 5. Klasse sitzen 26 Kinder – viele von ihnen kennen sich noch nicht. Die Stimmung ist zurückhaltend, ein wenig unsicher. Niemand weiß so recht, wo er oder sie hingehört.

Die Lehrerin hat an einer Lions-Quest-Fortbildung teilgenommen und nutzt an diesem Morgen eine konkrete Unterrichtseinheit von „Erwachsen werden“, um die neuen Mitschüler:innen beim Gruppenbildungsprozess zu unterstützen. Heute greift sie bewusst auf die erste Lektion zurück – den Einstieg in eine „gute Gemeinschaft“. 

Noch bevor der eigentliche Unterricht beginnt, verändert sich der Raum. Tische werden beiseitegeschoben, ein Stuhlkreis entsteht. Die Veränderte Raumstruktur gibt ein klares Signal dafür, dass es heute nicht um Frontalunterricht geht, sondern um Begegnungen: „Heute geht es um euch“, sagt die Lehrerin.

Die erste Aktivität wirkt spielerisch, ist aber methodisch präzise angelegt. „Steht bitte auf, wenn ihr gern Schokolade esst.“ Einige Kinder zögern, andere lachen, dann stehen die ersten auf. Weitere Aussagen folgen: wer gern tanzt, wer Fußball mag, wer schon einmal im Flugzeug war. Die Kinder reagieren, bewegen sich, beobachten sich gegenseitig. Was hier geschieht, ist mehr als ein Aufwärmen. In der Aktivität „Den Aufstand proben“ nehmen die Schüler:innen sich und die anderen bewusst wahr, entdecken erste Gemeinsamkeiten und erleben: Ich bin nicht allein mit dem, was ich mag oder erlebt habe.

Typisch für Lions-Quest ist, dass auf jede Aktivität eine Reflexionsphase folgt. Die Lehrerin beendet das Geschehen bewusst mit einer Frage: „Welche Gedanken hattet ihr, als ich euch die Aufgabe erklärt habe?“ Die Kinder beginnen zu erzählen. Manche berichten von Unsicherheit, andere davon, überrascht gewesen zu sein, wer alles aufgestanden ist. In diesen Momenten entsteht ein geschützter Raum, in dem Erfahrungen ausgesprochen werden dürfen. Die Schüler:innen lernen, ihre Wahrnehmungen zu reflektieren – und die der anderen ernst zu nehmen.

Dann kommt Bewegung in den ganzen Raum. Die Lehrerin lädt die Kinder ein, sich nach bestimmten Kriterien zu gruppieren: nach Hobbys, nach Lieblingsessen, nach gemeinsamen Erfahrungen. Die Schüler:innen gehen aufeinander zu, vergleichen, lachen, sortieren sich neu. Immer wieder entstehen kleine Inseln der Gemeinsamkeit. Durch diese Aktivität wird sichtbar, was verbindet und sie nimmt gleichzeitig die Angst vor dem Anderssein. 

Die kurzen Begegnungen werden gezielt vertieft. Mit einem Arbeitsblatt ausgestattet, gehen die Kinder aktiv aufeinander zu, stellen Fragen und notieren Antworten. Wer spielt ein Instrument? Wer hat ein Haustier? Wer mag welche Musik? Die sogenannte „Personensuche“ strukturiert Gespräche, die sonst vielleicht nie entstehen würden. Sie fordert dazu auf, neugierig zu sein, aktiv zuzuhören und sich selbst mitzuteilen. 

Zum Abschluss kehrt die Gruppe wieder in den Kreis zurück. Ein Ball wandert von Hand zu Hand. Wer ihn hält, nennt seinen Namen, etwas, das er oder sie mag – und etwas, das er oder sie nicht mag. Die anderen hören zu. Aussagen werden wiederholt, weitergegeben. So entsteht nicht nur Wissen übereinander, sondern auch ein erstes Verständnis für persönliche Grenzen und Bedürfnisse. Gleichzeitig etabliert die Klasse ein wichtiges Ritual: Wer spricht, wird gehört. 

Als die Stunde sich dem Ende nähert, ist die Atmosphäre eine andere als zu Beginn. Die Zurückhaltung ist einer vorsichtigen Offenheit gewichen. In der abschließenden Reflexion formulieren die Kinder selbst, was sich verändert hat. Aylin berichtet, dass sie Gemeinsamkeiten mit ihren anderen Mitschüler:innen entdeckt hat, Jonas erzählt, dass es jetzt leichter fällt auf seine neuen Klassenkamerad:innen zuzugehen. Generell entsteht der Eindruck, dass sich die Klasse ein Stück nähergekommen ist.
An der Tafel steht schließlich ein Satz, der als Motto für die Anfangszeit in der neuen Klassengemeinschaft dienen soll: „Fremde können neue Freunde werden.“

Was diese Stunde zeigt, ist exemplarisch für Lions-Quest. Sozial-emotionales Lernen geschieht hier nicht nebenbei, sondern systematisch – durch aktivierende Methoden, klare Strukturen und bewusst angeleitete Reflexion. Lehrkräfte werden in den Fortbildungen darauf vorbereitet und erhalten mit dem Material konkrete Werkzeuge, die sie flexibel im Schulalltag einsetzen können: zum Start in ein neues Schuljahr, zur Stärkung der Klassengemeinschaft oder auch in herausfordernden Situationen wie Konflikten.
Ob fest im Stundenplan verankert oder gezielt in Klassenleiterstunden eingesetzt – Lions-Quest schafft Räume, in denen Kinder sich begegnen, Vertrauen entwickeln und Verantwortung füreinander übernehmen können. Bevor Lernen im klassischen Sinn beginnen kann, braucht es ein Gefühl von Zugehörigkeit.