„Die Herausforderungen
sind von einem riesigen Ausmaß.“
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann

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Interview mit Prof. Dr. Klaus Hurrelmann

Mai 2020, Laurent Wagner, Projektmanager bei der Stiftung der Deutschen Lions

Angesichts von Corona geht es jetzt um eine Neuvermessung und Neugestaltung von schulischen Bildungsprozessen. Der renommierte Bildungswissenschaftler Professor Dr. Klaus Hurrelmann appelliert an die deutschen Lions, Mitgestalter von dringend benötigten Innovationen zu werden und erklärt, warum Lions-Quest das Zeug dazu hat.

Portrait Professor Dr. Klaus Hurrelmann

Professor Dr. Klaus Hurrelmann ist Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Er hat die Entwicklung von Lions-Quest in Deutschland sowie die wissenschaftliche Begleitforschung des Programms entscheidend geprägt.

Herr Professor Hurrelmann, wo liegen aus Ihrer Sicht in der aktuellen Situation die größten Herausforderungen für unser Bildungssystem?

Hurrelmann: Die Herausforderungen sind enorm, von einem riesigen Ausmaß. Es gibt keine einzige Schule, die mit der jetzigen Situation wirklich ausgezeichnet zurechtkommt. Die Herausforderungen liegen darin, dass praktisch von heute auf morgen ein etabliertes, alteingefahrenes und sicherlich in vielen Aspekten altmodisches und auch aus der Zeit gefallenes System von Unterricht und Lernen auf Fernunterricht umgestellt werden muss.

Darauf war nach meiner Schätzung vielleicht ein Drittel der Schulen einigermaßen vorbereitet. Aber zwei Drittel waren es nicht. Und entsprechend ist die Situation jetzt, dass der Lernprozess der Schülerinnen und Schüler unterbrochen wurde. Ein Teil der Schüler, meiner Schätzung zufolge 15%, ist überhaupt nicht mehr mit der Schule in Kontakt. Auch ein Teil der Lehrkräfte ist praktisch aus dem aktiven Dienst verschwunden, aus Überforderung, aus Ängsten oder aus Schock.

Es gilt zu verhindern, dass Bildungsungleichheiten, die sich aufgrund der unterschiedlichen Erreichbarkeit und Kooperationsmöglichkeit der Schülerinnen und Schüler rapide verschärfen, sich nicht zu einer andauernden gesellschaftlichen Ungleichheit entwickeln, die enorme soziale Spannungen mit sich brächten.

„Es musste von heute auf morgen auf Fernunterricht umgeschaltet werden. Darauf war vielleicht ein Drittel der Schulen einigermaßen vorbereitet.“

Zum einen leidet natürlich die fachliche Seite gegenwärtig, aber auch das soziale Miteinander. Warum ist Lions-Quest gerade in Zeiten von Corona so wichtig?

Hurrelmann: Das Markenzeichen von Lions-Quest ist die Aktivierung der sozialen Komponente des Lernens. Jede Lehrkraft weiß, dass das Lernen in der Schule, ein Lern- und Bildungsprozess, aus verschiedenen Komponenten besteht: dem kognitiven Training von Fertigkeiten und Fähigkeiten, von intellektuellen Dispositionen und zugleich dem Training von sozialen Umgangsformen und von Kommunikationsmustern. Wenn nur eine der beiden Komponenten allein aktiviert wird, kommt es nicht zu einem Lernen mit allen Sinnen, das wirklich die gesamte Persönlichkeit voranbringt.

Die Stärke von Lions-Quest war und ist, darauf aufmerksam zu machen und Modelle dafür anzubieten, wie dem normalen Unterricht mit der unvermeidlichen Trainingskomponente und der starken kognitiven Akzentsetzung die soziale Komponente hinzugefügt werden kann. Es ist gar nicht möglich, kognitiv zu lernen, wenn die sozialen Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. Dies war bereits in der Gründungszeit von Lions-Quest in Deutschland, da war ich ja nun glücklicherweise dabei, als wir das Programm aus dem amerikanischen transferierten, der entscheidende Punkt: Lehrerinnen und Lehrer merkten, dass sie durch Lions-Quest wieder in die Lage versetzt wurden, Unterricht kognitiver Art, also Fachunterricht zu machen, da die bisher fehlende soziale Seite mit in den Arbeitsprozess einbezogen wurde. Dies ist der erste Grund, warum Lions-Quest so wichtig ist.

Zum zweiten ist Lions-Quest so wichtig, weil wir gerade in Zeiten der Corona-Pandemie merken, dass die Kontakte zwischen der Schule und ihrem professionellen pädagogischen Personal und den Eltern nicht ausreichend sind. Auf die enge Kooperation zwischen Elternhaus und Schule hat das Lions-Quest Programm von Anfang an hingewiesen. An dieser potenziellen Stärke von Lions-Quest muss in Zukunft wieder mehr gearbeitet werden.

„Wir merken heute, wie ungeheuer wichtig ein Verständnis und eine Kooperation zwischen den professionellen Akteuren in der Schule, den Lehrkräften auf der einen Seite, und Eltern auf der anderen Seite ist.“

Was kann man aus Ihrer Sicht für die Eltern tun, um bspw. auch den gesamten Bereich „Homeschooling“ besser abzubilden?

Hurrelmann: Nun, die ursprüngliche Idee des Lions-Quest Programms war, dass Eltern ständig und parallel zu dem was die Schülerinnen und Schüler – ihre Kinder – erfahren und erleben, informiert werden. Eltern sollen wissen, wie in der Schule gearbeitet wird, was an Didaktik eingesetzt wird, welche Themen angesprochen werden und welche Probleme dabei auftauchen. Wir merken heute, wie ungeheuer wichtig ein Verständnis und eine Kooperation zwischen den professionellen Akteuren in der Schule, den Lehrkräften auf der einen Seite, und Eltern auf der anderen Seite ist

Wenn diese beiden Akteure nicht zusammenarbeiten, dann kann auch die Entwicklung ihrer Kinder nicht funktionieren. Es gibt den schönen Begriff der Bildungspartnerschaft, der genau dies zum Ausdruck bringt.

Wie müssen wir uns aufstellen, um auch in Zeiten von Corona Lehrkräfte zu unterstützen, um dann letztendlich die Schülerinnen und Schüler bestmöglich mit dem Programm zu erreichen?

Hurrelmann: An erster Stelle geht es aktuell darum, die organisatorischen und technischen Voraussetzungen zu schaffen. Wie bereits gesagt, hat nach meiner Schätzung in der Zeit vor Corona erst ein Drittel der Schulen digitale Kanäle aktiviert und erkannt, welche Kraft und welche Chance in ihnen liegt. Heute dämmert allen, dass wir einen riesigen Nachholbedarf haben. Es zeichnet sich ab, dass möglicherweise noch das ganze kommende Schuljahr nur unter Einsatz von digitalen Komponenten realisierbar wird. Dass ein kluges Konzept von Blended Learning (Lernmodell, in dem computergestütztes Lernen und klassischer Unterricht kombiniert werden. Anm. d. Redaktion) umgesetzt werden muss.

Hier liegt also die erste Herausforderung. Wenn der Unterricht in Zukunft auf eine Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht umgestellt wird, dann sind nämlich völlig neue Formen der Kooperation zwischen Schule und Elternhaus notwendig. Und da kommt wieder die Expertise von Lions-Quest ins Spiel. Es geht um eine bessere Kommunikation der professionellen Akteure in der Schule, der Eltern und der Schülerinnen und Schüler. Ein Programm wie Lions-Quest kann die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler stärken, sich in dieser neuen Alltagsorganisation ihrer Bildung und damit ihres ganzen Lebens zurechtzufinden. Denn es geht jetzt um nicht mehr und nicht weniger als die völlige Neuorganisation des ganzen Schul- und Unterrichtsalltags, es geht so richtig ins Zentrum, an das Eingemachte des schulischen Lern- und Bildungsprozesses. Hier sehe ich die Chance, dass Lions-Quest eine entscheidende Rolle mitspielt.

„Ein Programm wie Lions-Quest kann die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler stärken, sich in dieser neuen Alltagsorganisation ihrer Bildung und damit ihres ganzen Lebens zurechtzufinden.“

Derzeit arbeiten wir zum einen daran, den Seminarbetrieb angepasst an die Gegebenheiten wieder fortführen zu können. Zum anderen wollen wir auch mehr digitale Elemente einbringen, um den Kontakt zu den Lehrkräften, aber letztlich, wie Sie auch sagten, zu den Schülern halten zu können. Wie beurteilen Sie das? Geht das in die richtige Richtung?

Hurrelmann: Das geht in die richtige Richtung. Wenn sich schulisches Arbeiten so stark ändert wie beschrieben, dann müssen auch neue Formen für die Lehrerbildung im Umgang mit Lions-Quest gefunden werden. Auch hier werden höchstwahrscheinlich Komponenten des Blended Learning Einzug finden: Präsenzzeiten werden reduziert, Fernangebote gestärkt. Die Lehrkraft wird in Zukunft nicht mehr die dominante Rolle als Vermittler von Wissen haben, sondern wird mehr ein Koordinator von Bildungsprozessen sein, ein Lernbegleiter. All das muss sich auch in den Fortbildungen für Lions-Quest widerspiegeln.

Parallel dazu verändert sich natürlich auch die Schülerrolle. Schülerinnen und Schüler werden nicht nur die Empfänger von Impulsen sein, die von Lehrkräften kommen, sondern wegen ihrer gewachsenen Möglichkeiten, sich selbst Wissen zu erschließen, Mitgestalter und Co-Produzenten ihrer eigenen Bildung werden. Das Ziel sollte es sein, dass Schülerinnen und Schüler über eine Plattform von Lions-Quest auch direkte Impulse bekommen, für die Stärkung ihrer sozialen Fähigkeiten, ihrer Kompetenzen und ihrer Umgangsformen.

„Schülerinnen und Schüler werden zu Mitgestaltern und Co-Produzenten ihrer eigenen Bildung. Das Ziel sollte es sein, dass Schülerinnen und Schüler über eine Plattform von Lions-Quest auch direkte Impulse bekommen.“

Wenn wir dem gerecht werden können, entpuppt sich die Krise als Chance?

Hurrelmann:
Ja, das ist meiner Meinung nach die wichtigste Botschaft. Es geht um eine Neuvermessung und Neugestaltung von schulischen Bildungsprozessen. Und dabei muss auch Lions-Quest aktiv mitwirken, und das ist nur möglich, wenn es seine Rolle neu definiert. Die Stärkung der sozialen Komponente von schulischen Lernprozessen bleibt im Zentrum des Lions-Quest Programms. Aber sie muss unter veränderten Bedingungen neugestaltet werden.
Ergänzend braucht das Lions-Quest Programm, und das hat die Coronakrise gelehrt, eine Eltern-Komponente. Ein schulischer Lernprozess, auch wenn er noch so gut gemacht ist, läuft ins Leere, wenn Eltern an ihm nicht wenigstens gedanklich beteiligt sind. Diese Brücke herzustellen erweist sich gerade in Krisenzeiten als ungeheuer wichtig. Sie muss unbedingt mit in die Lions-Quest Programmentwicklung aufgenommen werden. Das Lions-Quest Programm soll eines bleiben, das Lehrkräfte im Zentrum hat, gar keine Frage.

Aber weil sich die Rolle der Schüler verändert, gilt das auch für die der Eltern. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, auch sie direkt anzusprechen. Es könnte ein Alleinstellungsmerkmal von Lions-Quest sein, eine echte „Bildungspartnerschaft“ zwischen Elternhaus und Schule herzustellen.

Das ist meine Vision für Lions-Quest. Ich weiß, dass dies eine riesige Veränderung und eine aufwändige Neukonstitution verlangt. Aber die Neukonstitution ist notwendig, wenn Lions-Quest seine dominierende Rolle als unabhängiger pädagogischer Impulsgeber für die Schulen in Deutschland nicht verlieren will, die es in den letzten 25 Jahren aufgebaut hat.

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen, Sie sagen es. Wie könnte Schulunterricht in zwölf Monaten aussehen und welche Rolle kann Lions-Quest dabei spielen?

Hurrelmann: Auf den Punkt gebracht: Lions-Quest sollte visionäre Muster für modernen Unterricht skizzieren, diese gerade in der Krisenzeit immer wieder an die Wand werfen und deutlich machen, wohin die Reise gehen sollte. Lions-Quest sollte in den nächsten zwölf Monaten als Akteur aktiv in die gegenwärtig stattfindende Umwälzung schulischer Bildungsprozesse eingreifen und nicht am Rande stehen. Das kann sofort geschehen, indem mit 30 oder 40 besonders engagierten „Lions-Quest Schulen“, wie sie sich ja stolz nennen, Modelle entwickelt und erprobt werden, die dann in die gesamte Schullandschaft ausstrahlen.

„Es könnte ein Alleinstellungsmerkmal von Lions-Quest sein, eine echte Bildungspartnerschaft zwischen
Elternhaus und Schule herzustellen.“

Das sind einige Hausaufgaben für uns. Gibt es abschließend noch etwas, das Sie uns auf den Weg geben möchten?

Hurrelmann: Wichtig ist es wie immer, auch ins Ausland zu schauen, also in andere Länder, in denen Lions-Quest ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Wir sind in Deutschland noch nie die modernsten und flexibelsten in der Gestaltung von schulischem Unterricht gewesen. Für uns in Deutschland ist die Corona-Pandemie deswegen eine riesige Herausforderung aber eben auch eine einmalige Chance, weil hierdurch die Verknöcherung und die Verbürokratisierung des schulischen Lernens aufgebrochen wird. Die unterschwellige Ablehnung von Digitalisierung und der Boykott jeder Form der Nutzung moderner Medien sind von heute auf morgen in sich zusammengebrochen.

Deswegen haben wir eine echte Chance. Wenn Lions-Quest seinen alten Spirit aktiviert und dabei als Mitspieler und Mitgestalter von Innovationen auftritt, dann ist es genau richtig. Der Zeitpunkt dafür kann eigentlich nicht günstiger sein als jetzt.

Herr Professor Doktor Hurrelmann, vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview.

Hilfreiche Unterlagen für Lehrkräfte

Tipps, wie Lehrkräfte ihre Schüler*innen auch zu Hause erreichen können und eine stabile Beziehung zu ihnen und den Eltern festigen können, finden Sie hier:

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