Rubrik: Neues von Lions-Quest

Interview: Stand der Dinge Lions-Quest „Erwachsen handeln“

02. Januar 2012

 

Vor nunmehr einem Jahr fand das Kick-Off Meeting der Entwicklungsgruppe für Lions-Quest „Erwachsen handeln“ um Professor Dr. Uwe Bittlingmayer von der Pädagogischen Hochschule Freiburg statt.

Nun berichtet er im Interview über den aktuellen Verlauf, über das Programm selbst und den Projektstand von Lions-Quest „Erwachsen handeln“

Darauf wurde bereits gewartet – Lions-Quest „Erwachsen handeln“ begeistert

Von Judith Arens (HDL)

HDL: Guten Tag Herr Prof. Bittlingmayer und danke, dass sie sich die Zeit nehmen uns über das Projekt zu berichten. Zunächst einmal möchten wir wissen, warum „Erwachsen handeln“ eigentlich ins Leben gerufen wurde? Lions-Quest „Erwachsen werden“ ist doch so erfolgreich – warum ein neues Lions-Quest-Programm dieser Größenordnung?

Prof. U. Bittlingmayer: Wir reagieren mit der Entwicklung von „Erwachsen handeln“ auf zwei Dinge. Einerseits geht es darum, dass die Lehrkräfte, in den „Erwachsen werden“ Seminaren immer wieder einen Bedarf geäußert haben, eine altersgerechte Fortsetzung von Lions-Quest „Erwachsen werden“ an den Schulen anzubieten. Aus Implementationsstudien wissen wir, dass der Schwerpunkt des Programmeinsatzes sehr klar auf der fünften und sechsten, teilweise noch auf der siebten Klasse liegt. Danach wird LQ „Erwachsen werden“ meist nicht mehr angeboten.
Zum anderen wurde dieser Bedarf auch objektiv, über die Einzelmeinungen hinaus, festgestellt. Wir haben eine Bedarfsanalyse vorgeschaltet, mit genau dieser Frage: Ist so ein Programm überhaupt erwünscht und wünschenswert? Die Antwort ist relativ eindeutig: Es gibt eine große Angebotslücke für ein Programm in der Altersgruppe ab 15 plus, das die allgemeinen Lebenskompetenzen, die „life skills“, wie wir das im Anschluss an den Sprachgebrauch der WHO (Weltgesundheitsbehörde) nennen, systematisch fördert.
In der Schule wird dieser Bedarf leider nicht abgedeckt. Deshalb gab es den Beschluss der Lions-Gremien, dieses Projekt, „Erwachsen handeln“ als altersgerechte Fortsetzung von Lions-Quest „Erwachsen werden“ zu initiieren.


HDL: In der höheren Altersgruppe vereinen sich ja die unterschiedlichsten Schulformen, ist „Erwachsen werden“ gleichermaßen für alle Schulformen geeignet?

Prof. U. Bittlingmayer: „Erwachsen handeln“ steht in der klaren Tradition von Lions-Quest „Erwachsen werden“. Es ist ein universelles, allgemeines, nicht zielgruppenspezifisches, außercurriculares Unterrichtsprogramm.

HDL: Das ist eine ganze Menge an Information in einem einzigen Satz!

Prof. U. Bittlingmayer: Ja, es geht eben darum, ein universelles Programm zu kreieren, das nicht auf ganz besondere Zielgruppen zugeschnitten ist – unter anderem auch, um Stigmatisierungseffekte zu vermeiden. Denn wenn man bestimmte, sagen wir mal für ganz besonders sozial benachteiligte, oder auf Förderschüler spezialisierte und spezifische Angebote entwickelt, dann gibt es immer die Gefahr, dass Stigmatisierungseffekte durch das Programm selbst geschaffen werden. Wir gehen davon aus, dass diese Lebenskompetenzen, die „life skills“, etwas sind, das wirklich allen Schülerinnen und Schülern – allen Jugendlichen – hilfreich ist.


HDL: Der Bedarf zur Förderung von Lebenskompetenzen ist also groß. Um welche „life skills“, die alle Jugendlichen brauchen, geht es?

Prof. U. Bittlingmayer: Dazu gehören beispielsweise die sogenannten selbstbezogene Kompetenzen – Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl etwa – es gehört aber auch dazu, was die WHO „critical thinking“ nennt, also kritisches Denken. Das meint die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Werten und Normen, nicht einfach die Hinnahme bestimmter Werte und Normen. Ebenfalls dazu gehören die „advocacy skills, das heißt die Kompetenzen, die man braucht um für jemanden einzutreten. Da ist man dann schon im Bereich der demokratiebezogenen Lebenskompetenzen. All diese Kompetenzen sind gewissermaßen universell und wirklich alle brauchen sie.
Und es geht um Kompetenzen deren Vermittlung in der Schule in der Regel nicht über den Fachunterricht abgedeckt wird. Wenn sie mal vorkommt, dann ist das eher zufällig und über die Lehrerpersönlichkeit verankert. Deshalb gehen wir davon aus, dass – und das hat auch unsere eigene Bedarfsanalyse gezeigt –  eigentlich alle Schulformen die diese Altersgruppen beschulen einen solchen Bedarf haben.
Wir nehmen die Tradition von Lions-Quest „Erwachsen werden“ sehr ernst, die vorgibt, ein universelles Programm zu konzipieren. Deshalb haben wir auch bei den Pilotschulen breit gestreut, haben also sowohl Gymnasien als auch berufliche Schulen, Realschulen und Hauptschulen mit dabei.


HDL: Was ist drüber hinaus an Lions-Quest „Erwachsen handeln“ so besonders? Und wo sind die innovativen Gehalte des Programms?

Prof. U. Bittlingmayer: Also die innovativen, die sehr innovativen Gehalte von „Erwachsen handeln“ liegen meines Erachtens in zwei besonderen Aspekten. Das eine ist, dass es in der Tat in dieser besonderen Altersstufe der 15-21-jährigen, die im sogenannten Übergangssystem geschult werden, keine systematischen Angebote zur Stärkung selbstbezogener Kompetenzen gibt. Damit betritt „Erwachsen handeln“ tatsächlich Neuland.
Diese Altersgruppe in Deutschland generell im Kontext von Schule zu adressieren, ist allein deshalb schon innovativ, weil wir ein sehr zerklüftetes Schulsystem haben, das unglaublich viele unterschiedliche Schulformen vereint. Da gibt es etwa den radikalen Schnitt zwischen Sekundarstufe I und II. Andere Länder haben hier gut funktionierende Gesamtschulsysteme. Wir versuchen trotzdem, die Gesamtzahl aller Jugendlichen zu adressieren und das ist innovativ – zumal es in den beruflichen Schulen überhaupt keine Angebote in dieser Richtung gibt, dem gegenüber aber einen wahnsinnig großen Bedarf. Das wäre das eine, der formale Aspekt, das zweite ist ein inhaltlicher.
In „Erwachsen handeln“ wird es unterschiedliche Module geben. Was wir versuchen, ist die klassische „life skills“-Förderung mit Aspekten von Demokratiepädagogik und politischer Bildung zu verknüpfen. Wir können einerseits sagen, dass die „life skills“ Förderung traditionell Aspekte beinhaltet, die auch auf Bereiche der Demokratiepädagogik abzielen, auf der anderen Seite gibt es neuere Angebote der politischen Bildung, die sehr erfahrungs- und lebensweltlich ansetzen. Da gibt es also durchaus schon Schnittstellen. Wir gehen davon aus, dass es gerade in dieser Altersgruppe sehr sinnvoll ist, allgemeine selbstbezogene Kompetenzförderung mit Aspekten der Stärkung sozialer aber auch politischer Partizipation und demokratischen Kompetenzen zu verknüpfen. Das alles gehört unseres Erachtens zusammen und auch dieser Ansatz ist innovativ. Sonst befindet sich das Feld der Demokratiepädagogik, der „life skills“ und der politischen Bildung sozusagen eher im Widerstreit.


HDL: Allein durch die Vielfalt der einbezogenen Teildisziplinen aber auch insgesamt klingt das ja ganz schön anspruchsvoll. Wer ist denn an der Entwicklung beteiligt? Und wer entwickelt die Materialien?

Prof. U. Bittlingmayer: Also ich bin froh, dass ich die Lions-Quest „Erwachsen werden“-Materialien nicht allein entwickeln muss. Wir haben ein interdisziplinäres Team zusammengestellt, in dem ganz unterschiedliche Berufsgruppen miteinander innovativ und kooperativ arbeiten.
Wir haben in der Entwicklungsgruppe für die Materialien Lehrerinnen und Lehrer, wir haben aber auch alle Senior-Trainer von Lions-Quest „Erwachsen werden“ gewinnen können, die ihre Erfahrungen mit einbringen. Das sind Ellen Willms, die schon die „Erwachsen werden“-Materialien zusammen mit ihrem Mann entwickelt hat, Hartmut Denker, Ansgar Merk und Marie-Luise Schrimpf-Rager.
Das ist die pädagogische Seite. Dazu haben wir auch starke wissenschaftliche Kompetenz in das Entwicklungsteam integriert, beispielsweise Professor Kuhn, von der PH Freiburg, ein ausgewiesener Politikdidaktiker oder Professor Helmut Bremer, der einen Lehrstuhl für politische Bildung an der Universität Essen hat. Es gibt also eine ganze Reihe von Wissenschaftlern und Praktikern die – und das ist auch eine Besonderheit in dieser Entwicklungsgruppe – aus unterschiedlichen Berufsgruppen mit unterschiedlichen Perspektiven kommen und interdisziplinär zusammenarbeiten und sich gemeinsam sozusagen ergänzen und befruchten.


HDL: Ich nehme an, dass die Beteiligung eines solchen interdisziplinären Entwicklungsteams ja auch zusätzlich bei offiziellen Stellen, bei den Eltern, Lehrern und Schulen die Akzeptanz von Lions-Quest „Erwachsen handeln“ erhöht. Hatten sie Schwierigkeiten Kooperationsschulen für die Pilotphase zu finden?

Prof. U. Bittlingmayer:  Ich bin seit ungefähr zehn Jahren in der schulischen Evaluationsforschung in der es immer wieder darum geht, Materialien zu testen und Kooperationsschulen zu finden und normalerweise gestaltet sich die Suche nach Kooperationsschulen sehr schwierig. Insbesondere in den letzten Jahren, weil die Schulen von Angeboten überlaufen werden. Bei „Erwachsen werden“ ist das vollkommen anders.
Aus einem großen Angebot von Pilotschulen haben wir in einer ersten Phase zunächst vierzehn Pilotschulen ausgewählt, die Schulen sind dabei eher auf uns zugekommen und haben gefragt, ob sie mitmachen können. Das war nach meiner bisherigen Erfahrung eine überraschende Situation. Wir haben deutlich mehr interessierte Schulen als wir tatsächlich mit unseren Kapazitäten verarbeiten können. Um diesen Schulen und ihrem berechtigten Interesse entgegenzukommen, haben wir das nun so gelöst, dass wir die Pilotphasen aufsplitten, in eine sehr eng betreute Phase Eins und dann in eine erweiterte Phase Zwei. Die wird im nächsten Schuljahr 2012/2013 ausgedehnt und dann werden wir sicherlich um die 40 Kooperationsschulen haben, was für ein Projekt dieser Größe ganz ungewöhnlich ist.
Ich sage ihnen ganz ehrlich, in der Konzipierung dieses Programms „Erwachsen handeln“ wären alle Beteiligten über zehn vernünftige Kooperationsschulen froh gewesen, und dass wir dann so ein Angebot zur Verfügung haben, auf so ein Interesse stoßen, zeigt meines Erachtens auch, wie hoch der Bedarf ist.


HDL: Das ist doch sicher auch auf die gute Resonanz und die gute Etablierung zurückzuzuführen, die das Lions-Quest Programm „Erwachsen werden“ schon erreicht hat. Sind denn die Schulen, die an der Pilotphase von Lions-Quest „Erwachsen handeln“ teilnehmen die gleichen Schulen, die Lions-Quest schon zuvor im Programm hatten oder sind das ganz neue Schulen und Schulformen?

Prof. U. Bittlingmayer: Wir haben in der allerersten eng betreuten Pilotphase darauf geachtet, dass die Schulen schon über eine „Erwachsen werden“ Geschichte verfügen und dass die Lehrkräfte, die uns als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner dienen auch schon  in Lions-Quest „Erwachsen werden“-Seminaren ausgebildet worden sind. Es wird aber in der Praxis, wenn die Materialien entwickelt und getestet sind und das Programm tatsächlich in die Fläche geht, so sein, dass wir auch mit Schulen rechnen müssen, die eben keine Lions-Quest „Erwachsen werden“ Erfahrung haben, insbesondere im Bereich berufsbildender Schulen.
Aber Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie sagen, dass das große Interesse und die große Resonanz auch daher kommt, dass über das Programm Lions-Quest „Erwachsen werden“ mehr als 73.000 Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet worden sind und sich Lions-Quest „Erwachsen handeln“ jetzt nicht vollkommen neu positionieren muss, sondern mit Lions-Quest schon bestimmte Qualitätsmaßstäbe verbunden werden.


HDL: Das hört sich ja ganz so an, als wurde und wird geradezu auf Lions-Quest „Erwachsen handeln“ gewartet, seitens der Lehrkräfte, seitens der Schulen und indirekt sicher auch seitens der Schülerinnen und Schüler. Wie ist denn der Stand der Dinge, wo steht das Projekt im Augenblick und was ist für die Zukunft von Lions-Quest „Erwachsen handeln“ zu erwarten?

Prof. U. Bittlingmayer: Wir haben natürlich einen übergreifenden Zeitplan und sind relativ froh, dass hier wir nicht nur im Plan sind, sondern dass wir die erste Pilotphase sogar vorziehen konnten. Wir sind im Augenblick in der Materialtestung eines Moduls. Wir haben engen Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern und sind im Augenblick in einer „ganz heißen“ Entwicklungsphase, für ein stimmiges, konsistentes Programm.
Wir werden im nächsten Schuljahr die Pilotphase erweitern, um dann die Materialtestung nochmal ganz umfassend abzusichern und später Unterrichtsentwürfe an die breite Öffentlichkeit geben zu können, die sich tatsächlich in der Praxis bewährt haben und nicht nur auf dem Papier schön aussehen. Im zweiten Halbjahr 2014 wird Lions-Quest „Erwachsen handeln“ mit einer flächendeckenden – so wünschen wir uns das natürlich – Einführung von Lions-Quest „Erwachsen handeln“ zu rechnen sein.


HDL: Gibt es denn schon erste Rückmeldungen von der ersten Pilotphase, von den Lehrkräften – vielleicht auch ganz subjektive Kommentare – oder gibt es sogar schon erste Auswertungen?


Prof. U. Bittlingmayer:
Wir haben parallel Daten erhoben, sind aber noch bei der Auswertung. Das ist recht umfangreich und umfassend und wir müssen vor allem schauen wie die Entwicklung der Pilotschulen gegenüber den Kontrollklassen ist.
Die Rückmeldungen, die wir bisher aus den Kooperationsschulen erhalten haben, sind durchweg positiv, also die Lehrkräfte die damit arbeiten, sind – ja, ich gebrauche mal das Wort – sie sind schlicht begeistert. Das hat einfach damit zu tun, dass dieses Angebot insbesondere an beruflichen Schulen aber auch an Gymnasien bisher so nicht bestand. Und wir damit einen ganz alten Lion-Quest-Grundsatz realisieren: Wir unterstützen Lehrkräfte in ihrer Praxis, Schülerinnen und Schülern Lebenskompetenzen zu vermitteln.


HDL: Das klingt verheißungsvoll und macht neugierig. Wir freuen uns auf Ihren nächsten Bericht und vor allem die Ergebnisse ihrer Arbeit. Herzlichen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei der Realisierung von Lions-Quest „Erwachsen handeln“!

Lions-Quest "Erwachsen handeln" wird ermöglicht durch die Unterstützung der Internationalen Lions Stiftung (LCIF), dem Lions-Multidistrikt 111 und des Kooperationspartners, der Sir Peter Ustinov Stiftung.

Das vollständige Interview wurde auch in der Januarausgabe der Lions-Mitgliederzeitschrift LION veröffentlicht.

 

 


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